Kinderkacke”

Vor einigen Tage habe ich das Buch “Kinderkacke” des Autorenduos Julia Heilmann und Thomas Lindemann gelesen. Dieses Buch hat meine Frau zum Geburtstag geschenkt bekommen.

Wenn man ein bisschen googled, findet man schnell die Facebookseite der Autoren und diverse Inhaltsangaben.

Ein Zitat aus dem Cover:

Es ist oft scheiße mit Kindern – und Elternsein ist oft kacke. Wer sagt, das sei nicht so, der lügt. Diese Wahrheit auszusprechen, macht es leichter, denn keiner braucht Klischees.”

Es wird in der Werbung und im Klappentext permanent betont, wie wichtig Ehrlichkeit ist und warum die Autoren, Eltern zweier Kinder, dieses Buch geschrieben haben.

Um mit dem positiven anzufangen: Es gibt einige Stellen, zu denen ich den Autoren beipflichte: Im öffentlichen Raum ist viel zu wenig Raum für Kinder, Gesetzgebungen bzgl. Kindertagesstättenplätze und Kindergartenplätze ein Witz und die Suche nach Vorbildern, für Eltern und für Kinder, gestaltet sich schwierig.

Ich nehme, trotz meiner nachfolgenden Bewertung, etwas für mich mit: Als berufstätiger Mann habe ich tatsächlich den Vorteil, einfach zur Arbeit fahren zu können und zwischen 8 und 14 Stunden kein Kind (und keine Familie) sehen zu müssen. Das sollte man tatsächlich bedenken, wenn einem wieder Satz “aber du bist doch den ganzen Tag zu Hause” auf der Zunge liegt.

Dann hört es aber auch schon auf. Ist es noch lustig zu lesen, wie schwer eine Bahnfahrt mit Kindern ist, finde ich es ganz und gar nicht mehr Lustig, Gewaltphantasien gegenüber Kindern als “normal” abzutun. Vermutlich bin ich in den Augen der Autoren jetzt schon ein “moralisierender Gutmensch”.

Kinderkacke ist eines der schlechtesten Bücher, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Natürlich, es ist nicht immer alles ein Zuckerschlecken mit Kindern, aber das konnte man sich auch vorher überlegen, zumindest doch, wenn man Akademiker ist, wie die beiden Autoren mehrmals herausstellen.

Es gibt eine Schlüsselszene, die ein für mich sehr treffendes Licht auf die Autoren wirft: Es wird beschrieben, wie sehr die Kinder von den einfachen Tätigkeiten begeistert sind, Hauptsache es sind große Maschinen, Werkzeuge oder ähnliches in Gebrauch (z.B. bei Straßenarbeiten oder der Müllabfuhr). Die Autorin stellt fest, dass die Kinder diese ganzen Tätigkeiten und die ausführenden Menschen noch wahrnehmen und sie selber nicht mehr. Schön, wenn man ein Leben derart führt, dass man sich nicht mehr fragen muss, warum das ganze überhaupt funktioniert.

Ich kann nach der Lektüre des Buches nicht verstehen, warum das Paar ein zweites Kind bekommen hat.

Ich verstehe allerdings auch nicht, warum jemand Sätze wie

Vor dem Wochenende haben wir immer große Angst, denn da ist die Kita geschlossen.

schreibt. Jemand, der im selben Buch schreibt, er hätte ebenfalls eine Haushaltshilfe.

Vielleicht bin ich nicht empfänglich für die spezielle Art Ironie und Sarkasmus des Buches oder ich erkenne beides nicht. Für mich liest sich das ganze Buch so, als wenn das Leben der Autoren nur noch eine einzige Qual wäre.

Fast jedes Detail des Lebens ist in irgendeiner Weise negativ, andere Sichtweisen sind per se schlecht (z.B. der Wunsch, Wohneigentum zu besitzen).

Mein Leben ist durch die Geburt unseres Sohnes auch nicht einfacher geworden, im Gegenteil. Aber das haben wir uns vorher klar gemacht, dass wir diesen Schritt gehen wollen. Wir wollten ein Kind haben und zwar um des Kindes willen, nicht um unsere Beziehung zu kitten, unseren Sozialstatus zu verändern oder ähnliches.

Ja sicherlich können wir nicht mehr alleine weg, wann wir wollen, ja sicherlich versteht ein 8 Monate altes Baby nicht, dass Mama und Papa auch einmal müde sind und es gibt leider Gottes auch Freunde, die die Anwesenheit eines Babies nicht verstehen, aber Festivals und Saufen oder falsche Freunde sind halt nicht alles im Leben. Und den Schlaf kann man noch früh genug nachholen.

Was persönlichen Freiraum angeht: Wenn jeder etwas tut und mithilft, kann auch jedem der benötigte Raum geschaffen werden.

Vorbilder sind ein Problem: Ich selber muss jetzt, genau wie mein Frau, ein Vorbild sein: Für den Nachwuchs, aber auch für den Partner. Ich will nicht nachher wie das Autorenpaar beschreiben müssen, dass man sich permanent anschreit oder das sogar Geschirr fliegt. Ich muss und will meinen eigenen Jähzorn zum Wohle aller in den Griff bekommen.

Niemand ist perfekt, auch wie nicht und so streitet man sich halt. Es gibt Stresssituationen und es gibt auch böse Worte. Aber wie meine Eltern schon gesagt haben: Diese Streits sollte man nicht mit ins Bett nehmen. Am Ende vom Tag ist es besser, sie beigelegt zu haben.

Woher Vorbilder bekommen? In der heutigen Gesellschaft ist in den letzten Jahren alles im Umbruch. Es gibt eine Generation Praktikum, es gibt viele Mensche, die in Deutschland in ärmsten Verhältnissen lebt und wenn in der letzten Zeit etwas sicher gewesen ist, dann, dass es wenig Sicherheit gibt.

Ich kann auf die Frage keine allgemein gültige Antwort geben. Wir selber versuchen, uns und unserem Nachwuchs die Sicherheit und den Rückhalt zu geben, die man “draußen” scheinbar nicht mehr bekommt. Ich möchte, dass mein Sohn in einer Welt aufwachsen kann, in der ich auch gerne Leben würde.

Vielleicht findet man Vorbilder dort, wo einige Menschen sie am wenigsten vermuten, zum Beispiel in Helge Schneider. Helge Schneider ist mittlerweile 6 facher Vater und unter anderem den Satz geprägt “Kinder müssen frech sein.” (Helge in der Main-Post). Dort heißt es weiter:

Von mir kommt der Satz „Kinder müssen frech sein“. Nicht böse, aber frech. Dazu stehe ich auch, immer wieder. Wenn ein Kind frech ist, dann ist man manchmal auch genervt, klar, aber dann fällt mir immer wieder ein, dass ich ja gesagt habe, die sollen frech sein. Wobei man sich natürlich nicht tyrannisieren lassen sollte. Die können ja noch nicht so gut diskutieren und wollen durch ihr Geschrei jemanden dazu zwingen, das zu machen, was sie haben wollen. Aber dann muss man die auch manchmal schreien lassen und eben kein Bonbon geben. Sonst wird das immer schlimmer, und eines Tages wollen sie den roten Sportwagen.

Recht hat er.

Noch besser gefällt mir allerdings seine Aussage in der Reihe Deutschland, Deine Künstler:

Kinder und Hunde ist eine Lebenssituation, das muss brauchse gar nicht zu lernen, das ist einfach dann da, dann muss man das machen. Nicht immer dieses “Ach Du Schreck, was mach ich nur, ich hab ja gar keine Zeit für mich”. Thomas Mann konnte sich 6 Monate im Dachzimmer verschließen und Frau und Kinder waren unten, die durften nicht hoch. So eine Scheiße mache ich erst gar nicht mit.

Ich wünsche den Autoren, dass ihre Kinder das Buch besser verstehen oder hilfreicher finden, als ich es getan habe, wenn sie eines Tages lesen können und sich für die Arbeit von Mama und Papa interessieren.

Dieser kleine Artikel soll kein Hassbrief sein, er repräsentiert nur eine Meinung, genau wie das Buch “Kinderkacke” eine Meinung repräsentiert, die ich allerdings nicht teile.

In der Welt kann man sich selber einen Eindruck machen, bei Amazon kann man das Buch kaufen.


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Geschrieben am Montag, 02. August 2010 von Michael J. Simons in Bücher und verschlagwortet mit