oder: Schandmaul auf Umwegen.

Mit dem Verkauf der Wacken Open Air Karten letzten Monat, als das Chaos absehbar wurde, wurde quasi der Wunsch, dieses Jahr noch einmal Schandmaul zu sehen, fast zu Grabe getragen.

Als dann auch das Feuertal Festival in Wuppertal fast einen Monat vorher ausverkauft war, hätte ich beinah schon die erste Schaufel Erde in die Grube geschaufelt.

Wäre da nicht ein kleines Festival in Trier gewesen, das Out In The Dark im Amphitheater. Trier ist auch nicht wirklich weiter weg von Aachen als Wuppertal, also, was kostet die Welt?

Auf der Porta Nigra

Nachdem ich am Vortag etwas weiter und extremer Rad gefahren bin, war ich am Sonntag ziemlich platt und wir haben unseren geplanten Trierbummel etwas verkürzt. Nichts desto trotz, wir haben das wesentlich gesehen schätze ich. Ingesamt, sehr nettes, idyllisches Städtchen.

Viel Promo von “lokalen relevanten” Medien gab es wohl nicht, das Amphitheater war zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd voll, aber das sollte mir recht sein, so war es zu jedem Zeitpunkt recht entspannt. Ganz fantastisch: Ich habe nicht einen einzigen, wildgewordenen Crowdsurfer gesehen, der mir seine Stiefel ins Gesicht hätte stellen können (mir passiert das mit 1.90m Größe recht häufig…). Herrlich.

Letzte Instanz

Der musikalische Teil des Tages fing mit Letzte Instanz an, von denen ich zumindest ein Album (Ins Licht) mein Eigen nenne und ein paar Lieder kannte. Der Show war mitreißend, auch mit Songs, die man nicht unbedingt kannte, und die Band machte einen sehr sympathischen und engagierten Eindruck auf der Bühne.

Letzte Instanz

Letzte Instanz

Letzte Instanz

Beim Stimmlein hätte ich einen einen Gastauftritt vom Schandmaul Thomas erwartet, den es leider nicht gab. Dafür wurden wir mit den Teufelsweibern Birgit und Anna beim Song Wir sind allein “entschädigt”. Sehr schöner Vorgeschmack auf den weiteren Teil des Abends.

Letzte Instanz

Witzig am Ende: Improvisierte Karaoke zu Kiss’ I Was Made For Loving You.

Letzte Instanz

Letzte Instanz

Für und von der letzten Instanz hätte ich mir nur noch einen etwas besseren Ton gewünscht, ich hätte den Basser gerne auch gehört und nicht nur gesehen (sah nichts desto trotz sehr cool aus, mit den Dreads und dem schönen Instrument).

Anne Clark

Umbaupause, Anne Clark feat. Implant bauen auf. Aber was? Ein elektronisches “Drumkit”, Keyboard und ich schätze, Turntables.

Wikipedia schiebt Anne Clark in die New Wave / Dark Wave Ecke, deren Musik ja fast noch auf das Festival gepasst hätte. Was aber kam, waren relativ harte, elektronische Beats mit dem typischen Sprechgesang Clarks, den ich persönlich nur von “Our Darkness” und “The Hardest Heart” kenne.

Anne Clark

Ich bin weiß Gott kein Raver, allerdings höre ich mir solche Musik gerne mal auf dem Rad oder beim Arbeiten an (gibt halt einen schönen Rhythmus vor), aber live und bei Tageslicht war das einfach nichts. Ist natürlich wie das meiste im Leben Geschmackssache, aber ich fand es einfach uninteressant, das “Geschehen” auf der Bühne zu verfolgen.

Wahrscheinlich dachten das auch die meisten anderen Besucher und so war der Vorplatz des Theaters gut gefüllt. Tut mir leid für die Band, aber ich da würde ich eher die Schuld beim Veranstalter suchen, der dieses Billing zusammengestellt hat. Das ist ähnlich “kreativ” wie letztes Jahr Bushido bei Rock im Park auftreten zu lassen.

Was macht man, wenn man sich langweilt? Essen. Auf dem Platz stand eine “Vegi” Bude. Die Leute waren sehr freundlich, aber das Essen war für 6 Euro eine Frechheit. Einen halben Teller fader Nudeln die nur durch eine Unmenge Curry Geschmack hatten und unglaubliche zwei Stück frittiertes Gemüse ohne jeden Eigengeschmack. Mit Festivalbesuchern kann man es ja machen. Herzlichen Dank. Wenigstens die Bierpreise waren im Rahmen des üblichen, um das Zeugs runterzuspülen. Allerdings auch kein Wunder, liegt doch die Bitburgerbraurerei quasi vor der Haustür.

ASP

Auch wenn ASP seit 1999 5 Alben und eine beträchtliche Anzahl Singles und EPs veröffentlicht haben, ich kannte nichts davon. Die Mischung aus NDH, Gothic und Electronic ging zwar zeitweise ziemlich gut ab, auch die Bühnenshow und Präsenz der Band, insbesondere des Sängers, waren toll, aber auf Dauer ist das nichts für mich, ist halt einfach nicht meine Ecke Musik. Eine gute Mischung Rock und Gothic, die ich auch noch “vertrage”, sind die hier schon öfter erwähnten Psycho Luna.

ASP

ASP

Schandmaul

Nach einer diesmal etwas längeren Umbaupause ging es dann um 21:40 endlich los mit Schandmaul. In Anbetracht der Verspätung (und des bisher ziemlich zackigem Zeitplans) meinte ich noch zu meiner Freundin, pass auf, die drehen mit Sicherheit Punkt 23:00 den Strom ab… Es sollte noch schlimmer kommen.

Schandmaul

Vom Auftritt selber bin ich immer noch ganz geflasht. Ich habe Schandmaul mit diesem Konzert jetzt dreimal gesehen, davon einmal unplugged (siehe 1, 2). Dieses hier war bis her das Beste. Nach einem pompösen “Einmarsch” ging los mit den Herren der Winde und im Handumdrehen ging das Publikum mit.

Ich hab bereits beim letzten Mal geschrieben, das die Stimmung bei einem Schandmaulkonzert einfach toll aus. Fast nur grinsende, fröhliche Gesichter und einfach gute Laune.

Schandmaul

Schlagzeuger Stefan wurde auf einem Podest im Hintergrund von Martin an der Gitarre und Matthias am Bass flankiert, die Ebene darunter gehörte mit wenigen Ausnahmen Birgit, Thomas und Anna. Ihre Bühnenshow ist mittlerweile ganz große Kino und einfach eine Augenweide anzusehen. Auch auf die Gefahr mich zu wiederholen, es ist eine Wohltat zu sehen, das es außer den Die Ärzten noch Bands gibt, bei denen nicht jedes zweite Wort “Fuck” oder “Motherfucker” ist. Außerdem, die gute Laune auf der Bühne wirkt ansteckend.

Schandmaul

Wir standen an der rechten Bühnenseite und sorry lieber Schandmäuler, aber eure Anna hat euch anderen für mich die Show gestohlen. Teufelsweib :) Wir hatten zeitweise den Eindruck, sie spielt nur für uns, war richtig schön.

Schandmaul

Hervorzuheben für mich waren wieder mal das Seemansgrab, die Herren der Winde, Kein Weg zu weit (ganz tolles Solo, klasse), Sichelmond Vogelfrei und der Knüller zum Schluss, Dein Anblick.

Der Schluss: Bereits 20 Minuten nach Beginn des Konzerts, also kurz nach 22:00, bekam die Band wohl ein Durchsage vom Veranstalter, die Anwohner hätten sich beschwert, die Polizei wäre bereits da und die Deadline von 23:00 muss strikt eingehalten werden. Hallo, geht es noch? Das weiß man doch im Vorfeld, ob man an so einem Ort ein Konzert durchführen kann oder nicht? Ich hatte den Eindruck, das im folgenden die Songs deutlich schneller gespielt wurden. Zwischendurch gab es immer mal wieder Zettel mit “noch 26 Minuten”, “noch 10 Minuten”. Ätzend. Die Reaktion von Thomas und der Band war ziemlich gut, keiner ließ sich die Laune verderben (auch wenn Thomas am Vortag wohl noch seine Gitarre in Folge eines “kleinen Unfalls” mit einem Sprinter von Schelmisch verloren hatte… g).

Im letzten Song passierte dann etwas, das ich so noch nicht erlebt habe: Eine Stagehand vom Veranstalter versuchte Thomas und Anna die Instrumente aus der Hand zu nehmen. Selten so etwas Unverschämtes gesehen, die waren vielleicht 2 Minuten über der Zeit. Dem Publikum, das darauf hin mehrere Male den Refrain von Dein Anblick lautstark sang gröhlte, konnte man zum Glück nicht den Mund verbieten und ich konnte mich des Eindrucks nicht erwähren, dass die Band sichtlich gerührt war.

Schandmaul

Der Abend endete dann damit, das ich mir tatsächlich noch mal Autogramme einer Band geholt habe und mich bei Anna noch persönlich für die Möglichkeit bedankt habe, über ihre Solo CD “Neuland” zu schreiben. Ebenfalls vielen Dank für das schöne Foto ;).

Alles in allem hat es uns so gut gefallen, das wir gerade eben Tickets für das “10 Jahre Schandmaul Jubiläums Konzert” in München bestellt haben. Insgesamt 4 Stunden Autofahrt durch Belgien und Rheinland Pfalz nach Trier und zurück haben sich definitiv gelohnt, von daher kann eine Reise mit Gleichgesinnten auch nicht schlechter werden, im Gegenteil.

Ich beende das ganze noch mit den Bandlinks, falls jemand Interesse bekommen hat, mal irgendwo reinzuhören: