21. November 2006
Hat ja lange gedauert bis zum nächsten Amoklauf. Vorweg: Ich halte diese Tat, wie sie in Emsdetten geschehen ist, für unmenschlich und dumm und kann sie in keiner Form gutheißen.
Die Berichte berühren mich. In beide Richtungen. Das ein Mensch so verzweifelt ist, sich so aus der Welt zu verabschieden und die Bilder und Zitate der Opfer. Ich habe keine Ahnung, ob ich damit akkut und auch langfristig danach umgehen könnte, wäre ich als Ahnungsloser auf einmal in einer solchen Situation
Was ich allerdings auch nicht gutheißen kann, ist obig verlinkter Spiegelartikel, in dem es vor Klischees nur so wimmelt. Wahrscheinlich eine Reaktion auf die eigene Ratlosigkeit:
Die Nachbarn stehen ratlos vor dem abgesperrten, rot verklinkerten Einfamilienhaus, umrahmt von dichten Hecken. Sie sind schockiert, einige schütteln weinend den Kopf, als auch in der Garage Sprengsätze entdeckt und entschärft werden müssen. “Der wollte wohl einmal so richtig auffallen”, sagt eine Anwohnerin zu SPIEGEL ONLINE. “Hätten gerade wir das merken müssen?”
(Zitat aus obigem Artikel)
Ja natürlich wollte er auffallen. Seine ehemalige Homepage keinmensch.de schrie förmlich danach. Leider ist sie inzwischen gelöscht wurden. Warum eigentlich? Darf man nicht seine Sicht der Dinge erfahren? Darf man nur die ewig gleichen Litaneien über Counterstrike und Death Metal hören? Ich glaube, Shooter und Metal sind schon lange keine Randgruppen Erscheinung mehr, sondern ein Millionengeschäft für die eine und eine Rückzugsbastion für die andere Seite. Wenn beide Medien wirklich Schuld hätten, warum werden dann nicht ständig derartige Taten begangen?
Was ich mich frage: Viele Menschen werden wahrscheinlich im Alter des Täters von solchen Gedanken gequält. Ich glaube nicht, dass jemand noch nie gedacht hat “hier würde ich gern dazugehören. Ich wäre gerne von dem und dem anerkannt”. Beim überwiegenden Teil der Menschen vergehen diese Gefühle wieder, weil doch die meisten eine Nische für sich finden, in der sie geborgen sind. Nur bei wenigen schlägt der latente Haß gegenüber Mitmenschen so um. Ich frage mich, was in den Menschen passiert, ich kann das nicht begreifen. Wie oft sagt man, dem würd ich mal gerne eine scheuern. Natürlich macht man das nicht. In was für einer Gesellschaft leben wir, dass die Sozialisierung von jungen Menschen so schief läuft, dass jegliche Hemmungen und jegliches Gespür für das Mensch sein abhanden kommt.
Der Täter – Sebastian – schrieb weiter auf seiner Seite, dass er anders sein wollte. Ein wirklicher Revoluzzer und kein Pseudoanarchist mit Nietenband aus dem Kaufhaus.
Wenn man den Revoluzzer Begriff weglässt und ersetzt durch jemanden mit Bedeutung, und sei diese noch so klein, kann man diesen Wunsch doch nachvollziehen. Was kann man denn heute noch machen, damit man anderen Menschen in Erinnerung bleibt und vielleicht etwas bewegt? Ich befürchte, für einfache Menschen, eventuell am unteren Rand der Gesellschaft, wird es in jedem Jahr schlimmer und schwieriger, ihre eigene Bedeutung im Leben zu finden. Es liegt doch auf der Hand, dass sich immer mehr Frust anstaut. Frust über sich selber, die Umwelt, die Entscheider. Die Menschen können fast keine Entscheidung von Relevanz mehr treffen.
Ich bin froh, dass ich selber einen Platz im Leben gefunden habe, in dem ich mich wohl fühle. Mit dem richtigen Maß an Verantwortung und Bedeutung.
Ich habe den Artikel mit Mensch sein überschrieben: Ich kam drauf, als ich Das ist Teil unserer Kultur im Telepolismagazin las. Ein Artikel, der sich mit dem sinnlosen Schlachten von Walen und Delfinen in Japan beschäftigt. Sinnlos, weil noch nicht mal jemand das Fleisch isst, sondern die Tiere nur des Tötenswillen ermordet werden. In die gleiche Kerbe haut das Robentöten, dass jedes Jahr stattfindet, um an die Pelze zu kommen.
Ist das noch Mensch sein? Ist es nicht eher menschlich, an seinem Frust zu zerbrechen, wenn man keinen Halt hat?